Jungengesundheit. Entwicklungslinien und Herausforderungen

Jungen werden in Gesundheitsdiskursen neuerdings als „Problemgruppe“ charakterisiert. Dies markiert eine historische Wende, galten Jungen früher doch generell als „stark und gesund“ (Dinges 2010, S. 97). Dass die gesundheitliche Lage von Jungen in vielen Bereichen bedenklich ist, müsste eigentlich seit dem Erscheinen von „kleine Helden in Not“ (Schnack/Neutzling 1990) als hinreichend bekannt gelten. Das zeigt sich z.B. in Krankheitsarten- und Unfallstatistiken, bei der psychischen Gesundheit oder in Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken (Neubauer/Winter 2010). Meist belegt der Geschlechtervergleich: Jungen sind im Durchschnitt weniger, teils sehr viel weniger gesund als Mädchen.

Meist belegt der Geschlechtervergleich: Jungen sind im Durchschnitt weniger, teils sehr viel weniger gesund als Mädchen.
Diskussionen um Männlichkeit und Gesundheit zielen meistens auf die Herstellung von Geschlechterdifferenz. Dies unterschlägt, dass es Bereiche gibt, in denen Jungen und Mädchen "gleich" sind - und wo die Unterschiede liegen.

Von Dr. Reinhard Winter,
SOWIT Sozialwissenschaftliches Institut Tübingen GbR

 

Dennoch ist Jungen- (und Männer-) Gesundheit in der fachlichen Wahrnehmung nach wie vor erstaunlich vernachlässigt. Dies belegt etwa zuletzt das Bundesgesundheitsblatt (2011), in dem geschlechterbezogene Zugänge zum Thema Adipositas bei Kindern fast durchgängig ignoriert werden und Jungen als besonders Betroffene unerwähnt bleiben. Solche Fehltritte sind nicht belanglos, denn sie verweisen auf eine vorherrschende genderbezogene Inkompetenz auch in der Forschung und zementieren mangelhafte Qualität.

Bislang hießen Genderbezüge in der Kinder- und Jugendgesundheit meistens, die Perspektive stillschweigend auf Mädchengesundheit zu richten. Kommen dagegen die Jungen „als Jungen“ in den Blick, öffnen sich erhebliche Leerstellen (vgl. Neubauer/Winter 2010): Bestimmte Einzelthemen, die Jungen betreffen, z.B. Übergewicht, Erkrankungen im Bereich der Geschlechtsorgane, Suizid, finden – auch medizinisch – eine zu geringe Aufmerksamkeit; Unfälle von Jungen verursachen zwar hohe Kosten, tauchen aber nicht als Präventionsthema auf; auch für Depressionen von Jungen (und in der Folge die hohen Suizidraten) gilt: Kein jungenbezogenes Thema! Der differenzierte Blick auf Jungen offenbart, dass sich Jungen unterscheiden, dass z.B. besonders Jungen mit geringem sozialen Status im Gesundheitsverhalten als problematisch auffallen, etwa was den Medienkonsum angeht. Ein geringer sozialer Status und Migrationshintergrund verringert zudem die ohnehin schwierigen Zugänge in gesundheitliche Versorgung und Beratung. Bislang spielen solche Belege der Notwendigkeit, Jungengesundheit als Genderthema zu analysieren, fachlich kaum eine Rolle. Aber auch dann, wenn versucht wird, Jungengesundheit geschlechtsbezogen zu thematisieren, kommt auffälligerweise bei Verantwortlichen aus Gesundheitsverwaltung und Politik, wie auch bei vielen Fachkräften eine eigenartige Form der Zuspitzung und Schuldzuschreibung in Gang, gern wird Jungen dabei „ihre Männlichkeit“ vorgehalten.

In der bisherigen Thematisierung sind zudem charakteristische Defizite oder Denkfehler auf-getreten, in der sich auch die geschlechterbezogene Gesundheitsförderung und -forschung verfangen hat. So zielen Diskussionen um Männlichkeit und Gesundheit meistens auf die Herstellung von Geschlechterdifferenz (beliebt sind Mittelwertvergleiche, die dramatisierend präsentiert werden: „Jungen sind von ... 1,5 mal mehr betroffen als Mädchen“). Damit wird Männliches in ein Abgrenzungsverhältnis gegenüber Weiblichem gesetzt. Diese Perspektive unterschlägt, dass bzw. wo Jungen und Mädchen gleich sind. Differenz herstellen heißt auch Homogenisierung (offen oder suggeriert: „die“ Jungen, „alle“ Jungen usw.); die Bandbreiten im Jungesein werden unterdrückt, bipolare Bilder von Geschlechtlichkeit konstruiert. Zudem wird Männlichkeit einseitig pathogenetisch thematisiert und gilt generell als gesundheitsgefährdend (z.B. Sieverding 2004). Statistische Phänomene, wie die gegenüber Mädchen und Frauen höhere Mortalität oder Morbidität, werden dabei monokausal auf „Männlichkeit“ zurückgeführt, wobei traditionelle Männlichkeitsbilder als Referenz herangezogen werden. Dadurch wird verdeckt, dass Bilder von Männlichkeit Gesundheit von Jungen und Männern unterstützen und fördern können, dass sie auch „gesund“ und an präventive Ideen anschlussfähig sind. Schließlich werden strukturelle Faktoren unterschlagen: etwa die Notwendigkeit, dass Jungen auf vorhandene Männlichkeitskonstrukte zurückgreifen müssen; Defizite im Bildungsangebot; monooptionale Verpflichtung auf Berufsarbeit; institutionelle Bedingungen usw.

Werden diese Defizite zu beheben versucht, besteht die Herausforderung darin, Jungenge-sundheit mit einer hohen fachlichen Qualität zu erfassen und das Thema dabei weder zu dramatisieren, noch es zu unterschlagen oder zu bagatellisieren. Dies versuchen wir ansatzweise in einem Handbuch, das derzeit erstellt wird (Stier/Winter 2011), wobei ein inte-ressantes „Panoptikum“ der Jungengesundheit erkennbar wird: Neben der spezifischen Jungenmedizin kommen auch die Gesundheitsversorgung von Jungen, die soziale, mentale und psychische Jungengesundheit oder Risikoverhalten in den Blick; Jungengesundheit wird im epidemiologischen Zusammenhang gesehen, Aggression und Gewalt werden genauso wie Gesundheitsbildung in Bezug zur Jungengesundheit gesetzt.

Erst ein fachlich tieferes Einlassen lässt die besondere genderbezogene Qualität in Bezug auf Jungengesundheit in einer dreidimensionalen Sichtweise erkennbar werden:

  • Spezielle Jungengesundheit meint die biologische und medizinische Perspektive auf Jungengesundheit, also das tatsächlich „Jungenspezifische“ (das bei Mädchen nicht vorkommt): das sind insbesondere Gesundheit, Erkrankungen oder Fehlbildungen des männlichen Urogenitalbereichs (z.B. Hoden, Penis, Prostata). Zudem können spezifische psychische Konstellationen als Aspekte der speziellen Jungengesundheit gelten, etwa die Ablösung des Jungen von der Mutter (vgl. Dammasch 2009; Winter 2011).
  •  Relative Jungengesundheit bezieht sich auf den Vergleich zwischen Jungen und Mädchen und wird besonders dort interessant, wo es in Statistiken oder qualitativen Erhebungen Unterschiede gibt; hier bezieht sich die Sichtweise vorwiegend auf das statistische Geschlecht, auf als „typisch“ konstruiertes Verhalten oder entsprechende, auch qualitativ erhobene Daten und dem statistischen Geschlecht („Ausweisgeschlecht“) zugeordnete Themen.
  • Allgemeine Jungengesundheit schließlich versteht Jungen als heterogene Gesamt-population und betrachtet sie in ihren Differenzierungen (Vielfalt des Jungeseins) sex- und genderbezogen, etwa vor dem Hintergrund von Männlichkeitsbildern, die Jungen vermittelt werden, und die sie inspirieren (gender), vor Schicht- oder national-ethnischen Unterschieden, aber auch vor körperlich korrespondierenden Impulsen, wie dem Einfluss des Testosterons (sex).

Diese drei Dimensionen der Jungengesundheit sind je nach Sachverhalt oder Thema selbstverständlich unterschiedlich relevant. Beim Risikoverhalten etwa spielt die spezielle Jungen-gesundheit eine nachgeordnete Rolle, die relative Sichtweise verweist auf teils erhebliche Geschlechtsunterschiede und schärft den Blick für die Problemwahrnehmung, aber erst die Perspektive der allgemeinen Jungengesundheit trägt dazu bei, das Thema genderbezogen zu erschließen und für Gesundheitsbildung zu öffnen. Bei der Hodengesundheit dagegen steht zunächst die spezielle Jungengesundheit im Vordergrund, die Prävention von Hodenkarzinomen – bekanntlich die häufigste Krebsart bei jungen Männern – wird dann durch die Perspektive der allgemeinen Jungengesundheit ermöglicht und aufgewertet, etwa wenn es um die Vermittlung von Kompetenzen zum selbständigen Abtasten der Hoden oder um die Aufmerksamkeit für Hodenerkrankungen geht.


Literatur

  • Bundesgesundheitsblatt 2011, Band 54 (Heft 5, Mai 2011), Heidelberg (Springer-Verlag)
  • Dammasch, F. (2009): Die Angst des Jungen vor der Weiblichkeit. In: Dammasch, F./Metzger, H.-G./Teising, M.: Männliche Identität. Frankfurt a.M. (Brandes & Apsel)
  • Dinges, M. (2010): Die Gesundheit von Jungen und männlichen Jugendlichen in historischer Perspek-tive (1780 – 2010). In: MedGG 29, S. 97-121.
  • Neubauer, G./Winter, R. (2010): Jungengesundheit in Deutschland: Themen, Praxis, Probleme. In: Bardehle, D./Stiehler, M. (Hrsg.): Erster Deutscher Männergesundheitsbericht. München (Zuck-schwerdt) 2010, S. 30 - 70.
  • Schnack, D./Neutzling, R. (1990): Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek b. Hamburg (Rowohlt).
  • Sieverding, M. (2004): Achtung! Die männliche Rolle gefährdet Ihre Gesundheit! In: psychomed 16/1, 25 – 30
  • Stier, B./Winter, R. (Hg.) (2011, i.E.): Jungen und Gesundheit. Ein interdisziplinäres Handbuch für Medizin, Psychologie und Pädagogik. Stuttgart (Kohlhammer)
  • Winter, R. (2011): Jungen. Eine Gebrauchsanweisung. Jungen verstehen und unterstützen. Weinheim und Basel (Beltz)